Im Land der Käfer

 

Vor bald 20 Jahren wurde Gernot Fischer-Kondratovitch mit der Serie „1001 Skifahrer“ bekannt. Immer noch segeln altmodisch gestylte Skispringer durch GFKs Bilder. Doch das Universum des Künstlers hat Zuwachs bekommen und ist, wenn man so sagen darf, bodennäher geworden.

GFK entführt uns nun ins Land der Käfer, nach „Terra Coleoptera“. Ein- bis zweisame Menschlein wandeln auf riesigen Coleoptera-Flügeln, ein gigantischer Käfer fährt mit einem Männlein in einem einfachen Kahn auf einem stillen Gewässer, das bis zum bewölkten Horizont reicht.

Die Serie „Kosmopoliten“ – Zeichnungen im A4-Format – hängt mit „Terra Coleoptera“ und der Serie „Gott ist ein Imker“ zusammen. Hier wandern die Menschen auf exotischen Mustern wie dem Fell des Leoparden. „Walking on exotic ground“ – das heißt für GFK, dass der Mensch auf dem Planeten wandelt, auf der Natur. Das Wandern auf dem Leopardenfell lässt etwas Unvorhersehbares, vielleicht Gefährliches, erahnen.

In den Bildern von GFK werden aus kleinteiligen Mustern endlose Wüsten, in denen sich die Figuren auf die Suche begeben und dabei mit dem Fahrrad einen Schmetterlingsflügel überqueren. Die Einsamkeit des Menschen wird deutlich, gleichzeitig thematisiert der Künstler damit die Selbstbeobachtung.

Die Serie „Gott ist ein Imker“ bringt ebenfalls die Kleinheit des Menschen zum Ausdruck – sowie auch das Verhalten unserer Art. In „Schwärmen“ besiedeln – und in unserem menschlichen Fall auch besudeln – wir emsig den Planeten und neigen durchaus dazu, uns Anführern unterzuordnen. GFK malt bienenkleine Figuren, die verloren auf riesigen Pflanzen stehen. Wächst die Natur dem Menschen doch noch über den Kopf?

Gleichzeitig weist der Künstler darauf hin, dass es ohne Bienen um die Erde schlecht bestellt wäre. Ohne Menschen hingegen hätten nicht nur die Bienen und Insekten ein sehr viel entspannteres Dasein.

Außer der Natur wird auch der die Globalisierung symbolisierende Coca-Cola®-Schriftzug von den kleinen Figuren be-wandert. Der Mensch verloren suchend in der selbst geschaffenen Kommerzwelt.

So fallen dann auch Autos, wie sie für den klassischen „American Dream“ typisch sind, vom Himmel auf paradiesische Palmen – unter dem Titel „Sexy Weekend in Paradiese“. In „Coca-Cola-Dream“ treffen die kleinteilige Natur und der globale Wahnsinn direkt aufeinander: ein Käfer spaziert auf einem Werbeschild für das braune Brausegetränk.

Das Land der Käfer kann man bald auch animiert bereisen, der Film „Terra Coleoptera“ ist für 2017 in Vorbereitung.

 

„Paradies Europa“ ist eine Installation, die 2015 im Künstlerhaus Klagenfurt gezeigt wurde. Mittels 3D-Figuren, die den Künstler selbst darstellen, sowie präparierter Käfer, Schmetterlinge und Pflanzen ist in Wasserbehältern unser Europa versinnbildlicht – als isolierte, schwimmende Insel. Die Installationen erinnern an historische Guckkästen und auch an die Wunderkammern der Renaissance, in denen naturhistorische Relikte und Artefakte Seite an Seite aufbewahrt und ausgestellt waren.

 

„Digital Safari“ ist der Titel einer Serie, in der GFK alte Bücher in Kunstobjekte transformiert: Die Seiten von Lexika und Sachbüchern werden verklebt, sodass ein Block von Information entsteht – den Inhalt muss sich der Betrachter aufgrund der nicht mehr gegebenen Lesbarkeit allerdings selbst zusammenreimen. Die Titel der Bücher werden mit Collagenabrieben gestaltet, das Bild ist der neue Titel: wieder begegnen uns Käfer, Schmetterlinge, Tiger und die legendären Skispringer, die hier über New York und Rom schweben; der Großglockner wird von einem Alligator bedroht.

In der verwandten Serie „Digital Adventures“ bedient sich GFK ebenfalls der Technik des Collageabriebs. Die Szenerien der silbergrauen, kleinformatigen Arbeiten werden wiederum von bekannten Protagonisten belebt, wie Skispringern, aber auch Tigern, die schon die fantastischen Gebirgslandschaften und Teppichbilder der letzten Jahre durchstreift haben. Die Collagenmotive dienen GFK auch als Vorlagen für Malereien. Die Buchobjekte sind mit einer Aufhängung versehen. Die verwendeten Bücher werden so mehrfach transformiert: durch das Zusammenkleben der Seiten werden sie verdichtet und geschlossen; sie bekommen einen neuen, rein bildlichen Titel und zu guter Letzt werden sie als dickes Bild an die Wand gehängt.

 

In der Serie „Und Gott sprach“ ziehen sich kleinfeine Schriftzüge über die Bilder (I, II, III), die über die Jahre zu einem weiteren Markenzeichen von GFK geworden sind. Auf dem Rückcover dieser Publikation sehen Sie einen präparierten Schmetterling (Originalgröße ca. 10 x 10 cm), auf den GFK mit Goldstift und viel Geduld und Fingerspitzengefühl das „Coca“ von Coca-Cola® geschrieben hat. So wie der Künstler mit viel Feingefühl einen das Treiben des Menschen auf diesem Planeten versinnbildlichenden Schriftzug auf einem zarten, toten Naturwesen hinterlässt, so drückt der Mensch – mit weitaus weniger Feingefühl – der noch lebendigen Erde seine Spuren auf.

 

Innerhalb der letzten 20 Jahre hat der Künstler auf solidem Fundament ein permanent expandierendes Kunstuniversum geschaffen, ausstaffiert mit Teppichen und Büchern, überblickt von niemals landenden Skispringern, durchstreift von kraftvollen Tigern und bekrabbelt von geheimnisvollen Käfern. Und wir – sind mitten drin, in „Terra Coleoptera“.

 

 

Karin Hafner

ZU ZITIEREN: Hafner, Karin, Im Land der Käfer, in: Gernot Fischer-Kondratovitch, TERRA COLEOPTERA, Wien-Villach 2016, www.sternart.at/projekte/texte/

 

Was ist Kunst? Vom Sonntagsmaler zum Akademisten. (Eröffnungsrede vom 12. Feb. 2015)

 

( Ich verzichte im Folgenden auf ge-genderte Ausdrucksweisen wie der/die und –Innen. Jegliche Substantiva sind gegebenenfalls männlich und weiblich zu verstehen.)

 

Die Eigenheiten der Kärntner Kunstlandschaft beschäftigen Olivia Clementschitsch und mich nun schon seit längerer Zeit. Als ich nach 15 Jahren aus der Grazer Kunst- und Kulturszene zurück nach Villach kam, staunte ich nicht schlecht, welch bunte Mischung hier oft herrscht.

Zuvor hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass z. B. ein akademisch ausgebildeter Künstler, der bei Maria Lassnig studiert hat, bei einer Veranstaltung wie gemmakunstschaun seine Werke in einem Kontext, der abseits der Szene der renommierten Galerien steht, neben die Bilder von Autodidakten hängt.

Hier bei uns gibt es das. Und es scheint auch nicht viele Leute zu verwundern. In Kärnten sind viele Dinge möglich, die anderswo verpönt wären – der Süden ist anders. Und das macht ihn spannend.

Im Herbst haben Olivia und ich die erste Künstlerliste für diese Ausstellung geschrieben und heute stehen wir in diesem wunderbaren Querschnitt durch die unterschiedlichen Zugänge im Kunstschaffen von Kärntner Künstlern: von Autodidakten, fachlich ausgebildeten Künstlern und Absolventen staatlicher Akademien.

 

Das bietet uns die Möglichkeit zum Vergleich. Während der Vorbereitung auf diese und auf die kommende Woche folgende Ausstellung „Kunstschauplätze“ im KunsthausSudhaus sind mir die Unterschiede in den Herangehensweisen der Künstler klar vor Augen geführt worden.

Ich wollte die Frage „Was ist Kunst?“ hier keinesfalls mit einer aus Büchern gezogenen philosophischen Abhandlung beantworten – sondern festhalten: welche Unterschiede sehe ich vor mir?

 

Jemand, der „Künstler“ als Beruf wählt, die Aufnahmeprüfung auf eine der staatlichen Akademien schafft, diese auch abschließt und dann von der Kunst leben will, hat sich einen sehr, sehr harten Weg ausgesucht hat. (Das ist fast genauso schwierig, wie von der Kunstgeschichte zu leben – aber Scherz beiseite). In der Folge geht es nicht nur darum, durch die künstlerische Tätigkeit Geld zum Leben zu lukrieren, sondern vor allem, dies auf die richtige Art zu tun und sich einen ernst zu nehmenden Ruf in der Szene aufzubauen und sich nicht durch unüberlegte Aktivitäten den Weg zu einer eventuell internationalen Karriere zu verbauen. Einige der Anwesenden wissen, wovon ich rede und ich weiß, was für Opfer Ihr bringt, um genau das tun zu können, was Ihr tun MÜSST. – Denn ich glaube, das ist eines der Merkmale eines Vollblutkünstlers: er MUSS. Sonst nimmt man dies Alles nicht auf sich.

Ich sage damit NICHT, dass der Weg eines autodidakten Künstlers zum fertigen Kunstwerk mit weniger Herzblut und Leiden verbunden ist – ich glaube aber: es ist mehr ein WOLLEN als ein MÜSSEN.

Für die Arbeit an dem Katalog zur Ausstellung „Kunstschauplätze“ bekam ich die Biografien und Werke von mehr als 30 Künstlern vorgelegt. Ich hatte auch die Möglichkeit zu Künstlergesprächen, da ich einige der Ausstellenden schon länger und aus vorhergehenden Kooperationen kenne.

Was mir auffiel:

Viele Autodidakten, egal ob nun Maler, Fotograf oder Bildhauer, sehen ihre künstlerische Tätigkeit als Ausdruck oder Bewältigung von EMOTIONEN und MOMENTEN. Diese Worte kommen sehr oft vor. Genauso wie SELBSTFINDUNG. Ich habe noch nie in der Vita eines akademischen Künstlers von Emotionen und Selbstfindung gelesen.

So wage ich den Schluss: Menschen, die erst später in ihrem Leben zur künstlerischen Ausdrucksform finden – oder dies parallel zu ihren oft ganz anders gearteten Berufen tun – und plötzlich zu malen beginnen, für die ist Kunst etwas, das ihnen das Leben erleichtert und verschönert. Oft dient Kunst da auch als Therapie nach privaten Schicksalsschlägen.

Mit Begeisterung belegen sie Kurse, die oft ebenfalls von Autodidakten abgehalten werden und lernen neue Techniken. Sie bilden sich mit großem Eifer fort.

Es entstand für mich der Eindruck, dass sie ihre Selbstdefinition als Künstler in jeder nur möglichen Weise dokumentieren wollen. Mit sehr viel Leidenschaft, Fleiß und Liebe wird hier an dem selbst geschaffenen „Künstler-Ich“ gefeilt und diesem möglichst viel an Beweismaterial hinzugefügt.

Der Hobbymaler wird am Wochenende beschwingt zum Pinsel greifen – Kunst ist für ihn ein Mittel, sein Wohlbefinden zu steigern.

Der Profikünstler, der sich die ganze Woche über unter dem Leistungsdruck, mehrere Ausstellungen parallel zu bespielen, mit der Produktion seiner Kunst und oft auch mit deren Vermarktung beschäftigt, tut dies in einem Ausmaß, das über normale Arbeitszeiten weit hinausgeht. Vielleicht überlegt er auch noch, wie er die Miete für sein Atelier in Wien bezahlen soll. Dieser Künstler wird am Wochenende gerne die Möglichkeit nutzen, einfach mal die Kunst Kunst sein zu lassen und z. B. auf ein Bier zu gehen oder sonstwas völlig Unkünstlerisches zu tun, um die Omnipräsenz seiner Berufung wenigstens kurz zu vergessen.

 

Zum vorhin schon erwähnten Stichwort „Selbstfindung“: Autodidakten und Hobbykünstler sind oft SUCHENDE – sie suchen ihre künstlerische Identität. Profikünstler müssen sich nicht finden, sie sind, was sie sind und müssen dies zum Ausdruck bringen und ständig weiterentwickeln. Sie nehmen oft von großem Verzicht geprägte Lebensumstände auf sich, um dieses MÜSSEN umsetzen zu können.

In ihrer Arbeit geht es vordergründig nicht um das Abbilden von persönlichen Emotionen, sondern um ein reflektiert transformiertes Darstellen von der Welt und der Zeit, die den Künstler umgibt.

 

Dies lässt allerdings NICHT die einfache Conclusio zu, dass es keine autodidakten Profikünstler gäbe und genauso wenig, dass Akademieabgänger emotionslose Kunstproduzenten sind. – Im Gegenteil, ein professioneller und viel beschäftigter Fotograf hat mir gegenüber einmal den schönen Satz geäußert:

„Wer nicht tief im Innern ein loderndes Höllenfeuer hat, der hat das K-Wort nicht verdient.“

 

Unbestritten ist, dass es einen Kunstmarkt gibt– über den auch nur allzu oft geschimpft wird. Was ich für gedankenlos halte, denn wie sollen Künstler leben, wenn sie nichts verkaufen? Kaum ein Künstler kann sich täglich seiner Selbstvermarktung widmen oder seine eigene Galerie eröffnen, daher möchte ich auf jeden Fall die oft angefeindeten Galeristen in Schutz nehmen. Die haben es nämlich erfahrungsgemäß auch nicht leichter.

Häufig wird die Beschwerde vorgebracht, dass die Präferenzen des gehobenen Kunstmarkts von nur wenigen elitären Menschen diktiert würden und dass das alles nicht fair wäre: Ja, das mag sein. Aber wie bei jedem Markt herrscht auch auf diesem Selektion.

Die Frage ist vielmehr: WO will ich mitspielen? Will ich mich mühsam in die Spitzengalerien vorarbeiten? Oder kenne ich zufällig die sogenannten richtigen Leute und es ist daher gar nicht mühsam?

Oder stelle ich lieber stressfrei im Foyer der Bankfiliale in meinem Heimatort aus, übe einen ganz anderen Brotberuf aus und bin damit glücklich und zufrieden?

Ich sage: Wie es Euch gefällt!

 

Und ja, es gibt Unterschiede, exorbitant große sogar – in den Ausbildungen der Künstler, in ihren Ausdrucksweisen, in den Vorlieben der Galeristen, Kunsthändler, des Publikums und der Käufer. Und das ist GUT SO! Kunst ist so vielfältig wie das Leben selbst.

 

So hat jeder von uns die freie Auswahl, welche Kunst sein Leben bereichern und ihn umgeben soll. Jeder von uns kann entscheiden: Was ist Kunst – für mich? Welche Kunstwerke berühren etwas in mir?

 

Genau dazu möchte ich Sie jetzt einladen und Sie auch zur demokratischen Abstimmung bitten. Der Medienkünstler Herwig Steiner hat ein von ihm kuratiertes Werk eines anonym bleibenden Künstlers in die Ausstellung eingebracht. Bitte fällen Sie Ihr Urteil:

JA, das ist ein Kunstwerk!                 

Damit wähle ich das Werk zur Kunst.

Es stammt von einem Künstler, Akademischen Maler.

 

NEIN, das ist kein Kunstwerk!

Damit wähle ich das Werk zur Nicht-Kunst.

Es stammt von einem Künstler, Sonntagsmaler.

 

Werfen den für Sie stimmigen der beiden Wahlzettel in die bereitgestellte Urne. Die Auswertung erfolgt am Ende der Ausstellung.

Zitat Herwig Steiner:

„Der Ausgang der Wahl wird Einfluss auf Ihre jeweilige Stimmabgabe und vorige Einschätzung nehmen, egal, wie Sie abgestimmt haben.“

 

Karin Hafner

ZU ZITIEREN: Hafner, Karin, Was ist Kunst? Vom Sonntagsmaler zum Akademisten. Eröffnungsrede vom 12. Feb. 2015 anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Kunst.Raum.Villach, www.sternart.at/projekte/texte/

 

 

Birgit Scholin „Between Cinema and Art“ 

 

Birgit Scholin ist keine Künstlerin, die nur einem Weg folgt. Sie hat mit ihren jungen 30 Jahren schon einige Wege beschritten, Ausbildungen absolviert und diverse Techniken in ihren Werken angewendet. Das Außergewöhnliche dabei ist, dass die Künstlerin es schafft, die verschiedenen Wege zu ihrem ganz persönlichen Weg zu verflechten. Es bleibt nichts auf der Strecke, es wird alles integriert.

Das Nähen hat sie sich selbst beigebracht und setzt es heute in ihrem Kindermodelabel „Fundevogel“ und bei der Gestaltung der Puppen für ihre Filme und Installationen ein. 

Das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien brachte weitere Bausteine mit sich – das Narrative und Detaillierte zieht sich durch das Werk von Birgit Scholin.

Der nächste Schritt war das Verlassen des theoretischen Weges mit dem Studium der Experimentellen Gestaltung an der Universität Linz sowie das Studium der Kunst und Kommunikativen Praxis und der Experimentellen Textilen Gestaltung an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

Mit der Zeichnung begann Birgit Scholin ihre Laufbahn als bildende Künstlerin, dann kamen Comics und damit die Zeichnungen in Bewegung. Puppen lösten die Comicphase ab und mit ihnen erfolgte der Schritt ins Dreidimensionale, zur Plastik. Und wiederum setzte Birgit Scholin ihre Kunst schrittweise in Bewegung – und begann mit Animationsfilmen. 

Die Zeichnungen werden in Comics zum Leben erweckt, die Puppen in den Animationsfilmen – was im Grunde der gleiche Vorgang ist: eine Abfolge von Standbildern erzeugt Bewegung, einmal zwei-, dann dreidimensional. Akribische Feinarbeit wird hier zum Leben erweckt – ein äußerst schöpferisches Vorgehen. Birgit Scholin hebt so den künstlerischen Akt an sich auf eine Metaebene.

Familie, Mutterschaft, Körperlichkeit und ihre eigene Tätigkeit als Künstlerin. Diese Themen stehen in Wechselbeziehung zueinander und werden in den oftmals düsteren, morbiden Arbeiten zum Ausdruck gebracht. Das Beobachten von Menschen und das Erfassen von Aussagen detaillierter Bewegungen liegt den kleinteiligen und arbeitsintensiven Kunstwerken zugrunde – denn Mimik und Gestik verraten viel. 

So haben auch die Puppen aus dem Film "Family Portrait" (2012/13) sehr elaborierte und ausdrucksvolle Gesichter. Zusammengesunken, mit halb geschlossenen Augen hocken die Figuren in den Einmachgläsern, die Ausdruck von Hausmannskost, Sparsamkeit und Kleinbürgertum sind und die Armut als gläsernes Gefängnis darstellen. Weitere Assoziationen könnten der gläserne Schneewittchensarg sein, als Gleichnis für das Warten auf Erlösung aus einem ungesunden Schlaf. Oder wörtlich genommen auch das Leben im (Reagenz)glas, künstlich erzeugtes Leben bzw. konservierter Tod, denn die Objekte lassen auch Verbindungen zu eingerexten anatomischen Präparaten zu. 

Im Film "Family Portrait" agiert eine Familie in einem einzigen Zimmer nebeneinander – ohne miteinander zu kommunizieren. Inspiriert wurde Birgit Scholin von einem im Naturhistorischen Museum Wien ausgestellten Grab einer dreiköpfigen Familie aus der Hallstattzeit. Die Körperhaltung der Toten lässt vermuten, dass die Personen bei lebendigem Leib begraben wurden. Am Ende des Films begeben sich die Familienmitglieder gemeinsam auf das große Bett, nehmen diese zusammengekauerte Körperhaltung ein und werden mit schwarzer Erde bedeckt. 

Einmachgläser, wie jene, in denen die Puppen jetzt sitzen, kommen im Film Family Portrait ebenfalls vor. Sie stehen auf einem Regal, ein Wurm kriecht an einem davon hinauf – vielleicht eine Anspielung auf den Verfall: am Ende fressen jeden die Würmer. Jetzt sind die Figuren in diese Bestandteile ihrer eigenen kleinen Welt eingeschlossen, darin begraben. Schläfrig vegetieren die Puppen in ihren zu kleinen Glasbehältern vor sich hin – gut sichtbar für die Außenwelt doch sie selbst haben die halb geschlossenen Augen nur nach innen gerichtet. Haben sie zuvor auf zu engem Raum nebeneinander gelebt, so ist jetzt in dem ewigen Schlaf, zu dem sie sich alle zusammen freiwillig auf das Bett gelegt haben, jeder für sich isoliert.

In den Textilen Grafiken (Siebdruck auf Baumwollköper, Stickerei, 2014), werden die Themen Mutterschaft, Kind, Körperlichkeit und Geburt durch Kaiserschnitt behandelt.

Darunter ist auch ein Selbstporträt der Künstlerin als Zitat der mythologischen Darstellung "Saturn frisst seinen Sohn" von Francisco de Goya.

Als einzelne Motive kehren hier – in Ergänzung zum Porträt der Künstlerin und ihres Sohnes – Hände, Herz, Auge, Mund, der weibliche Unterleib sowie in Verbindung damit das Aufschneiden, Zunähen und die dazugehörigen Fäden wieder.

Birgit Scholin hat zwischen bildender Kunst und Kino ihre eigene Welt erschaffen und verliert sich dort gerne im Detail.

 

Karin Hafner

ZU ZITIEREN: Hafner, Karin, Birgit Scholin "Between Cinema and Art". Text anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Kunst.Raum.Villach im Sept. 2014, www.sternart.at/projekte/texte/

 

 

Milan Hrnjazović – Fräulein? 

Milan Hrnjazović is mainly a painter. Not long ago he decided to exhibit also his graphic works, which often function as studies for his paintings and thus illustrate the process of work. The artist thinks a lot about social problems and conflicts and occasionally he writes essays on these topics. Those texts also serve as an inspiration for his pictures.

The center of Milan Hrnjazović’s work is female. „Fräulein“, Mother and Femme Fatale expose themselves in front of the beholder and show their vulnerability, love, despair, ecstasy, tenderness and cruelty. These nudes are by no means an unconditional celebration of femininity and female sexuality. The artist pierces the surfaces of society and the contemporary ways of relationships. He visualizes the drama and cruelty behind shiny illusions. This view behind the pretty scene resulted in the concept and name of the exhibition: „Fräulein? “

In the North of Serbia „Fräulein“means „Frajla“and its meaning differs from the German one. Although „Frajla“is also a young and unmarried woman, the term stresses her strong interest in social success and fashion. She keeps her relationships and the motifs for them a secret.

In the photo-series Femme Fatale and The Big Game the female body is shown as an instrument for the achievement of social aims. Milan Hrnjazović interprets the Femme Fatale as the „illusion of fulfillment of a lifetime dream“. In the second photo-series, The Big Game, this theme is outlined even more drastically: fashionable thin women feast on human flesh while they sit in midst of a decadent interior. With this radical images the artist expresses the society-immanent violence, where human lives are destroyed just because of the very own personal gains.

The paintings on Mother and Child show on the one hand the initial one-to-one: female body parts, eggs and embryos formally melt into each other. On the other hand the artist relates to the stereotype of motherhood in Christian tradition – to Madonna and Christ. Their painful separation is inevitable.

The paintings depicting relationships between men and women show the most turbulent formal language. The series Together, yet apart is inhibited by male and female anatomies, whirling into nude- and flesh-coloured swirls, symbolizing the physical connection. The faces of this men and women contrast this union and tell about the loneliness of many people in modern relationships.

Milan Hrnjazović displays today’s relationships in a critical way – but without moralizing and by speaking through an aesthetically very fascinating and profound figurative language.

 

Karin Hafner

Citation: Hafner, Karin, Milan Hrnjazović Fräulein?, Text for the exhibition at Kunst.Raum.Villach in Oct.-Nov. 2013, 

www.hrnjazovic-milan.com/exhibitions&texts.html